Blogtext 67 Bild hast du es satt

(Photo by Kerstin Rothkopf)

Oder bist du schon satt? Ähnliche Worte. Und doch zwei sehr verschiedene Aussagen.

Während der eine Satz Frust, Ärger, Endzeitstimmung oder tatsächlich auch der Vorbote für den Wandel zum Ausdruck bringt, transportiert die andere ein wohlig, angenehmes, zufrieden genährtes Gefühl. Diese Woche erscheint ein neues Buch mit dem Titel „Ich habe es satt - Warum uns Ernährungs-Gurus krank machen“ von Nils Binnberg. Ein Grund mehr diesen Artikel zu schreiben, der mir schon länger unter den Nägeln brennt.

Ernährungs-gurus kennen eine Menge Grenzen

Ich habe nur Ausschnitte aus seinem Buch gelesen und dennoch bin ich mir sicher, dass der freie Autor, der weiß wovon der spricht, mit seiner Aussage recht hat. Wieso? Da Ernährungs-Gurus selten für ein goldenes Maß oder Balance stehen sondern für extreme Ansichten, schwarz-weiß Denken, für die „einzig wahre“ - Ideologie. Und je mehr Gurus und ihre Schriften wir kennenlernen, je mehr Ansätze wir lesen und meinen für uns annektieren zu müssen, desto mehr entfernen wir uns von unserem eigenen Körper- und Bauchgefühl, Geschmackssinn, unseren Vorlieben und vor allem dem was man ein gesundes Maß nennt. Aus mündigen Menschen, werden treu ergebene Lemminge, die das Denken dankbar abgeben und sich der Vorstellung hingeben, dass jemand Externes die Lösung für ihr Problem gefunden hat. Und uns endlich, natürlich sofort und für immer schlank, glücklich und gesund sein lässt. Das kann, ich gebe zu leider, so nicht funktionieren! Und führt im Schlimmsten Falle zu krankhaften Essstörungen, wie auch bei Nils Binnberg.

Denkst du, fühlst du, schmeckst du? Merkst du was?

Nehmen wir ein stark vereinfachtes Beispiel. Mit ein Klassiker unter den Ernährungsempfehlungen, die man oftmals in Zeitschriften und Co. finden kann: 
„Wenn du Lust hast auf Schokolade, dann probiere es doch erstmal mit einem Stück Obst.“ Wenn mir noch mal einer mit dem Vorschlag kommt einen Apfel zu essen, wenn ich Lust auf etwas Süßes habe... “Heißhunger umleiten“ nennen sie das dann. Das trifft es übrigens ganz gut, denn die Wahrscheinlichkeit trotzdem am Ende beim Ziel “Schokolade “ und Co. anzukommen ist (zumindest bei mir) exorbitant groß. Aber ich frage mich auch ehrlich gesagt wozu denn bloß? Warum soll ich denn die Lust umleiten? In meinem Kopf ist das so wie wenn ich Lust auf die Karibik habe und just in dem Moment einen Wanderurlaub in den Bergen buche. Ja natürlich ist das am Ende auch Urlaub, und besser als kein Urlaub, aber doch nicht wirklich miteinander zu vergleichen.

„Kannst du schon essen - bleibst du halt fett/ krank/...“.

Alle Jahre wieder passiert es dann. Mal etwas früher, mal etwas später werden die meisten von uns vom schlechten Gewissen gejagt. Die goldene Zeit für Ernährungsratgeber, dicht gefolgt von der Januar-Gute-Vorsätze-Welle, beginnt. Man muss jetzt wieder in Form kommen. Der Sommer kommt und damit der Geist der Bikini-Figur. Aber wie sieht’s mit der Form unserer Seele aus?  Neulich habe ich ein gutes Zitat gelesen: „Alles was wir unterdrücken geht in den Keller Gewichte heben.“ In unserem Fall wäre das dann die Lust auf das Ausleben unserer Gelüste und auf Genuss. Zurecht trainieren die dann im Keller. Was ist mit all den juicy moments da draußen die wir verpassen, uns verbieten, weil wir “die Umleitung nehmen sollen”, weil ja der Sommer kommt... Versteht mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass es nicht wundervoll ist einen Apfel zu essen - aber eben vor allem dann, wenn man wirklich Lust auf das hübsche Ding hat. Und im Zweifel bin ich mehr für Apfel & Schokolade statt Apfel statt Schokolade. Der Apfel mutiert sonst schnell zum ungeliebten Lückenbüßer - eine Rolle die ihm nicht gerecht wird. Schade wär´s ihn so in Erinnerung zu behalten.

101 Gurus mit 1001 Ratschlägen

Und jeder beansprucht für sich Recht zu haben. DEN Ernährungsansatz gefunden zu haben. Der eine predigt, dass Beeren und Fleisch das Nonplusultra sind, weil unsere Kollegen aus der Steinzeit so drauf waren. Der nächste schwört auf Rohkost. Und wieder ein anderer auf Intervallfasten und gibt und den Takt unserer Nahrungsaufnahme vor. Und woher soll man wissen, wer wirklich richtig steht? Wo das Licht für uns als Individuum angeht? Alles auf einmal oder nacheinender probieren? Ich kann sehr gut verstehen, dass einen dieser Gedanke frustriert zurück lässt.
In unserer Welt in der Top-Performance an der Tagesordnung steht, um mit dazu zu gehören, sind wir schnell, nein schneller als wir denken, in einem Hamsterrad der Zwänge und Zwangsgedanken angekommen. Die Kopf-Bauch-Thematik ist dann am Ende unsere hausgemachte Problematik. Verkrampft durch den Alltag? Ich kann mir Schöneres vorstellen.

Eine alte, weise Frau sagte mal

„ Von allem etwas“, und diese Frau ist meine Oma. Natürlich gilt das nur für Menschen, die keine ärztlich festgestellten Allergien haben oder vielleicht auch politisch oder religiös motiviert bestimmten Ernährungsformen folgen. Im Kern bringt es die Aussage aber auf den Punkt, den ich machen möchte: Am Ende macht es das Verhältnis. Kluge Entscheidung: Das Leben genießen! Beste Entscheidung: Balance halten. Ergebnis: Entspannt sein.
Da ist es wunderbar Lust auf Frisches zu haben (weil es einem schmeckt) und sich genau so alles andere offen zu halten. Bye Bye „special treats“, „cheats“, „verbotene Lebensmittel“ und Co.. Sich Dinge gänzlich zu verbieten, weil man das doch so tun muss, um weitere 100 Jahre schlank, gesund und schlau zu bleiben ist falsch und nervt. Damit stilisiert man diese Dinge zu etwas hoch, was sie tatsächlich gar nicht sind - zumindest nicht mehr als ein anderes Lebensmittel, ein Gericht der weiterer Snack - und macht sich selbst das Leben schwer. Man fragt sich wozu...

 

Wer sich noch schwer damit tut seinen Weg der Balance zu finden und zu gehen, kann mich gerne in einer Nachricht kontaktieren.

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